Finanzierung von mehr Tierwohl - VEZG-Preissturz heizt Debatte an
AgE - Der jüngste Preissturz bei Schlachtschweinen befeuert die Debatte über die Finanzierbarkeit höherer Tierwohlstandards in Deutschland. Hans-Benno Wichert vom Landesbauernverband Baden-Württemberg (LBV) zeigte bei der Frühjahrstagung der Verbindungsstelle Landwirtschaft-Industrie (VLI) am Mittwoch, dem 6. Mai, in Münster keinerlei Verständnis dafür, dass die Vereinigung der Erzeugergemeinschaften für Vieh und Fleisch (VEZG) ihre Notierung für Schlachtschweine am gleichen Tag um 10 Cent auf 1,60 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht (SG) gesenkt hat.
Der Vizepräsident des LBV erinnerte daran, dass der Lebensmitteleinzelhandel (LEH) erst kürzlich umfangreiche Programme ins Leben gerufen hat, um das Risiko für Schweinehalter bei Millioneninvestitionen in Tierwohlställe zu verringern. Wenn der Verbraucher nun aber nicht die eingeplanten Mengen aus höheren Haltungsstufen einkauft, wird als Reaktion der Erzeugerpreis gesenkt. Wichert treibt die Sorge um, dass die Fleischwirtschaft und der LEH als Nächstes aus ihren Tierwohlprogrammen mit Fünf- oder Zehnjahresverträgen aussteigen. Diese Verträge sollten den Schweinehaltern eigentlich die Sicherheit geben, richtig investiert zu haben.
Verschärft wird die Situation der Schweinehalter laut Wichert durch die Beendigung des Bundesprogramms zum Umbau der Tierhaltung (BUT) durch Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt. Die Schweinehalter sollen Millionensummen in höhere Tierwohlstandards investieren. Gleichzeitig rechnen sich Tierwohlställe aber nur, wenn es einen 50-prozentigen Zuschuss vom Staat gibt. Hier ist etwas aus dem Lot geraten
, so das Fazit von Wichert, der selbst Schweinehalter ist.
Dr. Gereon Schulze Althoff aus der Geschäftsleitung der Premium Food Group (PFG) verteidigte die nachfrageorientierte Herangehensweise seines Unternehmens bei der Abnahme und Vermarktung von Schlachtschweinen aus höheren Haltungsstufen. Wir haben aktuell eine lange Warteliste von Betrieben, die Tierwohlställe bauen wollen, da die Nachfrage nach Fleisch aus höheren Haltungsstufen nicht nachkommt
, berichtete Schulze Althoff auf der Frühjahrstagung des VLI. Das langfristige Potenzial für Fleisch aus höheren Haltungsstufen schätzt der Nachhaltigkeitsmanager der Premium Food Group auf 5 bis maximal 10 % – ein flächendeckender Umbau der hiesigen Schweinehaltung ist somit nicht zu erwarten.
Laut Schulze Althoff ist die jüngste Rücknahme des Vereinigungspreises für Schweinefleisch vor allem dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest (ASP) in Spanien Ende 2025 geschuldet. Da spanisches Schweinefleisch auf wichtigen Drittlandsmärkten gesperrt sei, müsse es am EU-Binnenmarkt abgesetzt werden. Mittlerweile kaufen beispielsweise die Griechen Schweinebäuche in Spanien, da diese billiger sind als deutsche Ware. Vor diesem Hintergrund hält Schulze Althoff die internationale Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Schlachter für unabdingbar.
Um den Umbau der Nutztierhaltung in Deutschland wirtschaftlich tragfähig zu gestalten, hält Schulze Althoff den Export von Fleischteilen, die in Deutschland wenig nachgefragt werden, für unverzichtbar. In diesem Zusammenhang sei zu begrüßen, dass der philippinische Markt durch den Einsatz des Bundeslandwirtschaftsministeriums nach der ASP-bedingten Sperre wieder geöffnet wurde. Für deutsches Schweinefleisch ist China hingegen weiterhin gesperrt. Dort hat die deutsche Fleischwirtschaft vor 2020 jährliche Umsätze von rund 1 Mrd. Euro erzielt, wovon auch die Landwirte in Form guter Erzeugerpreise profitiert haben. Durch den ASP-bedingten Ausschluss ist dieses wichtige Absatzventil für Nebenprodukte aus deutscher Schlachtung verschlossen. Angesichts der Einnahmeausfälle müssten eigentlich 100 Beamte im Bundeslandwirtschaftsministerium mit höchster Priorität daran arbeiten, dass die Importsperre aufgehoben wird
, so Schulze Althoff. Der Fleischmanager begrüßte, dass Minister Rainer im Juni nach China und Japan reisen will, da dies die beiden wichtigsten Drittlandsmärkte für Schweinefleisch aus Deutschland sind.
Bei der Frühjahrstagung der VLI wies der Nachhaltigkeitsmanager darauf hin, dass die Kosten für den tierwohlgerechten Umbau der hiesigen Nutztierhaltung nur mit einer effizienten Drittlandsvermarktung zu stemmen seien. Wenn der Export von Fleischteilen den deutschen Verbrauchern also ein gutes Gewissen ermögliche, werde Schulze Althoff gefragt. Seine Antwort: Das kann man so sagen.