03.08.2026rss_feed

FLI weist neues Orthobunyavirus der Simbu-Serogruppe bei Rindern in Deutschland nach

Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat in Proben erkrankter Rinder aus Süddeutschland ein bislang nicht näher charakterisiertes Orthobunyavirus aus der Simbu-Serogruppe nachgewiesen. Nach dem erstmaligen Auftreten des Schmallenberg-Virus im Jahr 2011 gibt es damit erneut gesicherte Hinweise auf die Einschleppung eines neuen Virus dieser Gruppe nach Deutschland. Das neu nachgewiesene Virus zeigt in allen drei Segmenten die höchste Verwandtschaft zu Shamonda-Virus. Viren der Simbu-Serogruppe kommen vor allem in Afrika, Asien und Australien vor. Sie werden, ähnlich wie das Virus der Blauzungenkrankheit und das Schmallenberg-Virus, durch blutsaugende Gnitzen der Gattung Culicoides übertragen. Infiziert werden überwiegend Wiederkäuer, insbesondere Rinder, Schafe und Ziegen.

Aufgefallen waren zunächst Erkrankungen bei Rindern in der Schweiz, Frankreich und in Süddeutschland, insbesondere in Baden-Württemberg. Die betroffenen Tiere zeigten Fieber und Durchfall. Bei Milchkühen wurde zudem ein teilweise deutlicher Rückgang der Milchleistung beobachtet. Diese Symptome wurden in zahlreichen Tieren und Beständen seit Juli beobachtet. Die klinischen Erscheinungen waren zunächst mit einer Infektion durch das Schmallenberg-Virus vereinbar. Untersuchungen auf das Schmallenberg-Virus, aber auch andere bekannte Erreger wie die Viren der Blauzungenkrankheit oder der Epizootischen Hämorrhagie verliefen jedoch negativ.

Proben aus vier betroffenen Rinderbeständen wurden über das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Freiburg an das FLI weitergeleitet. Innerhalb von 48 Stunden konnten die Proben analysiert und der Erreger weiter charakterisiert werden. Eine Pan-Simbu-PCR ergab in mehreren Serum- und Blutproben von unterschiedlichen Betrieben deutlich positive Signale mit Ct-Werten bis etwa 20. Dies weist auf hohe Virusgenommengen zum Zeitpunkt der Probenahme hin. Auch weitere PCR-Untersuchungen auf Viren dieser Gruppe zeigten positive Ergebnisse.

Die vollständige Genomsequenzierung ergab für alle drei Genomsegmente die höchsten Sequenzübereinstimmungen mit Shamonda-Viren (Aminosäureebene: S: 99 %; M: 95 %; L: 97 %). Während das S- und das L-Segment zudem eng mit dem Schmallenberg-Virus verwandt sind, weist das für die Antigenität und Immunantwort besonders relevante M-Segment eine deutlich geringere Übereinstimmung auf (<50 %). Die abschließende taxonomische Einordnung des Virus steht derzeit noch aus.

Infektionen mit Viren der Simbu-Serogruppe führen bei erwachsenen Tieren in der Regel zu einer kurzen Virämie und lediglich milden bis moderaten klinischen Erscheinungen. Von besonderer Bedeutung ist jedoch die mögliche Übertragung auf den Fetus während der Trächtigkeit. Abhängig vom Zeitpunkt der Infektion können Aborte, Totgeburten und schwere angeborene Fehlbildungen auftreten. Beim Schmallenberg-Virus waren hiervon insbesondere Schafe betroffen. In einzelnen Herden wurden bei bis zu 50 Prozent der Nachkommen Schädigungen beobachtet. Bei Rindern waren fetale Schädigungen insgesamt deutlich weniger ausgeprägt. Für das neu nachgewiesene Shamonda-like-Virus lässt sich derzeit noch nicht abschätzen, ob und in welchem Umfang Infektionen tragender Tiere zu Schädigungen der Feten führen können. Aborte, Totgeburten und missgebildete Kälber oder Lämmer aus möglicherweise betroffenen Beständen sollten daher besonders aufmerksam untersucht werden.

Die Gnitzensaison dauert in Deutschland witterungsabhängig bis etwa Ende November. Die höchste Aktivität der Gnitzen wird üblicherweise zwischen Juli und Oktober beobachtet. Aufgrund der grundsätzlich effizienten Übertragung durch Gnitzen muss deshalb mit einer weiteren und möglicherweise schnellen Ausbreitung des Virus in empfänglichen Tierbeständen gerechnet werden.

Viren der Simbu-Serogruppe gelten in der Regel nicht als Zoonoseerreger und stellen nach bisherigem Kenntnisstand kein relevantes Infektionsrisiko für den Menschen dar. Bei neu auftretenden und bislang unzureichend charakterisierten Viren dieser Gruppe muss ein mögliches zoonotisches Potenzial jedoch vorsorglich untersucht und im weiteren Verlauf aufmerksam beobachtet werden.

Das FLI arbeitet mit hoher Priorität an der vollständigen Charakterisierung des Erregers, der epidemiologischen Nachverfolgung der Fälle sowie der Anpassung und Entwicklung spezifischer diagnostischer Verfahren. Nach 2011 ist erneut ein exotisches Orthobunyavirus nach Zentraleuropa eingeschleppt worden. Die Untersuchungen der kommenden Wochen werden zeigen, wie rasch es sich ausbreitet, welche Tierarten besonders betroffen sind und mit welchen klinischen Folgen zu rechnen ist. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Frage, ob Infektionen während der Trächtigkeit zu fetalen Schädigungen führen. so Prof. Dr. Martin Beer, Vizepräsident des Friedrich-Loeffler-Instituts. Grundsätzlich können gegen Orthobunyaviren Impfstoffe entwickelt werden. Hierfür ist jedoch ein entsprechender zeitlicher Vorlauf erforderlich. Die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer Impfstoffentwicklung werden wesentlich davon abhängen, welche klinische und insbesondere reproduktionsmedizinische Bedeutung das neu eingeschleppte Virus besitzt.


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